Marie

"GROßVATER FRANZ MIT ENKELIN MARIE"

 

Wenn der Frühlingshimmel Sonne schüttet, warmes Lüftchen ringsum hoppelt,

wandert der lustige Großvater Franz mit der Enkelin Marie in den Wald

das Veilchenfest begehen.

Die Vögel trilieren.

Dicht daneben trippelt Mariechens Kobold, hat diesmal den roten Kasperleanzug angezogen,

rechtes Hosenbein und linker Arm sind grellblau mit Sternen besät.

Rote Lederschühchen, einen Fuß vor den anderen setzend,

trägt er die Zipfelmütze etwas schief gebunden.

Der Kobold, ein Meisterschüler, hilft bei Aufsätzen, er fragt das Einmaleins.

Über seine Anwesenheit wusste der Großvater nichts, der Kobold ist nämlich sie,

die kleine Enkelin Marie voller Phantasie.

Auf der zweibrettigen Laufbrücke rauchte der Wassermanneine eine lange Pfeife.

Der Großvater sagte plötzlich: „hax, pax, max, deus adimax“ und die Erscheinung flüchtete.

Derartige Sprüche hätte die Großmutter nicht gut geheißen.

Vorbeiziehende Getreidefelder grünen.

Am schmalen Landstreifen hockt Johannes Nepomuk Kapelle.

Die zierliche Gestalt umrahmen rote, blaue, gelbe Papierrosen,

fünf Sterne strahlen über dem Kopf, seine gütigen Augen versprechen Freude.

Der Sandweg eilt, Lichtsprenkel jagen grünen Reiter.

Auf der Storchenbaumsäule klappert laut Meister Adebar, das Kinderzimmer einrichtend.

Die Storchendame versteckt ein Beinchen unterm Fittich,ganz nah am Wiesenbach aufmerksam fischend.

Auf dem Bachsteltzenswippschwanz perlt das Wasser auf und ab.

Ein grünblau schillernder Eisvogel hängt in der Luft, will gezielt eintauchen.

Grünlich braune Eidechsen flitzen, ein hellgrüner Laubfrosch quakt vergnügt im Haselnussstrauch.

Der Großvater fragte Marie, ob sie schon weiß, dass die Schneekönigin, weiß bekleidet

den Pailletten besetzten Schal anlegte und in ein weiße Rentierkutsche stieg,

„Lebewohl“ sagte und in Richtung Norden verreiste.

„Natürlich“, antwortete Marie, das haben die klugen Sternenbilder vorausgesagt.

Beide schweifen zwischen jung grünen Kulissen.

Ein paar Schritte hinter dem Ziegenbockstall mit der Ziegenbockmarke kommt die Birkenpromenade.

Der Forst schreitet Ihnen entgegen.

Bei Rudi, dem bärtigen Ziegenbock, stattet Großvaters Geiß Regula jedes Jahr einen Besuch ab.

Sie bleibt verliebt über die Nacht. Am nächsten Tag holt die Enkelin sie ab.

Es dauert nicht lange und zwei Zicklein laufen neben der Ziegenmutter.

Bald erscheint das Waldschloss, die strahlend lichtgrüne Waldmauer.

Das Waldtor steht offen. Dicke und schmale Baumtürme ragen empor.

Biegsame Baumpfeiler stehen hintereinander, im schwebenden Rhythmus Bogengänge bilden,

smaragdgrüne Laubkuppeln besticken das Ästedach.

Dort sitzt der Erlkönig, der das grüne Werk beschaut.

Unzählige Bäumgesichter lächeln, Besuchern die Hand reichen, sie herzlich willkommen heißen.

Ein stattlicher Frühlingsherold steckt einen Veilchenstrauß an die Kante des breitkrempigen Glockenhutes.

Das Naturfest blüht.

Der Grünfink singt eine Kantate vom Vögel Chor begleitet.

Grasgrüne Blättergeigen streichen die Winde.

Marie dreht sich um, Melanie und Manel warten, wollen zusammen Bäumchen wechsel dich spielen.

Die majestätische Eiche wacht wie ein unbeugsamer Soldat, den Stamm bedeckt

schwarzgraue rubbelige Borke, formt fabelhafte Antlitze der Sonne, des Mondes, der Sterne.

Künstlerische Figuren rooben hinauf, ziehen eine unsichtbare Nabelschnur

zu den neun Planeten verschlossene Chiffresetze senden.

Tief unter mächtigen Schlangenwurzeln bewahrt sie die Brautlade der Natur.

In der Schmuckschatulle hortet sie prächtige Gewänder, auch ein grünes Hochzeitkleid,

achtet den apfelroten, vagabundierenden Vollmond, schätzt die nächtlichen Zwiegespräche,

liebt das romantische Flair, schließt einen Zauberkreis.

Im eigenen Auftrag fabelt tausendjährige Geschichten, malt Wortbilder,

gepflegte Laute der Baumsprache fließen.

Die Zuhörer versetzt es in vergangene Zeiten.

Zweirädrige keltische Streitwagen rasen, die Krieger stehen schlagkräftig bereit

das bebaute Land zu verteidigen, die Streitachsen schwingen.

Abends brennt das Lagerfeuer, Knochenflöten spielen, die Barden besingen die Heldentaten.

Alle sehen den geharnischten Ritter hoch zu gepanzertem Ross.

Der Nasenbügelhelm und das nicht brechende Schwert glänzen.

Truppenfahnen wehen, Arkebusiere marschieren,

Hackenbüchsen schleppend, fortwährend schreiten Lanzknechterotten sogar Panduren gehen entlang.

Unaufhörlich entstehen neue Bilder.

In der blausamtig verzierten Sänfte, von reich geschmückten Pferden getragen,

strahlt die hübsche Prinzessin.

Stämmige Hellebardenträger beschützen das Mädchen.

Ihre zwei Meter langen Stoßwaffen erschrecken den Feind.

Goldene Tressen verschönern die seidenen Wände und das Dach.

Die Elstern sind entzückt, Gold fesselt ihren Blick.

Ihren schwarzen Rock und das weiße Jabot finden sie unbeschreiblich schick,

stets tratschend, die Nachrichten verdoppeln.

Ganz nah graben Keilereckzähne länglich runde Eicheln aus, die Purzel drehen sich vor Freude.

Zwanzig Satzhasen entfernt bewirtschaftet die große Linde mit walzenrunden, rissigen Stamm, ihr Anwesen.

Hochgeschossen breitet sie einen schützenden Blätterschirm.

Junge Triebe bilden fleißig Blüten.

Im Sommer gehen gelbliche Blüten auf, Honigdüfte streuen, das Bienenvolk rufen.

Die biegsame Linde, obwohl beschäftigt, nimmt das Fabulieren der alten Eiche wahr.

Ungewollt schleichen vergessene Szenen vorbei.

Spricht die Spielgefährtin an:" Gibt zu mein Engelchen, die kugelige Welt war damals

einfacher zu verstehen, das griechische Atom unteilbar, das Firmament ohne Bombengeschwader".

Der Mensch erweitert sein Wissen, spaltet Uran, der zweibeinige Bruder rüstet gegen sich selbst.

Uranus, der siebente Planet des Sonnensystems, Ehemann der Erde, warnt.

"Nur ein Fehler, was dann ?".

Selbstbewusste Vernunft verlangt ewigen Weltfrieden.

Das Leben gedeiht, bekommt leuchtende grüne Farben.

Ein Rudel Rothirsche trampelt im Dickicht, mächtige Stangen gehen zwischen den Bäumen hindurch.

Das Pfaffenhütlein bäckt rosenrotes, vierkantiges Rotkelchenbrot,lädt Pipmatze zum Abendtisch ein.

Die kleine Marie fragt:

„Sag mir Großpapa, kann man ein Märchen mit der Wirklichkeit verwechseln?“.

Der Großvater schwieg.

Nach einer Weile bemerkte er: „Du weiß es. Du entscheidest allein."

M.K. am 19.07.2008